Im Kaufhaus

Er versteht nämlich mehr von Psychologie als ich, obwohl ich mich sehr dafür interessiere. Aber Richard und ich haben noch so viel Zeit (fast hätte ich wieder ‚verschwenderisch viel Zeit‘ gesagt) vor uns, dass wir noch über vieles reden werden. Apropos Zeit, jetzt bemerke ich die dahinschwindende Zeit wirklich. Anderthalb Stunden noch bis zum Aufbruch. Um halb sechs würden die Putzfrauen hier auftauchen, dann müssten wir verschwunden sein, hat Peter gesagt.

Ich solle mich frisch machen, etwas essen und ausruhen, mich danach neu schminken. Dann will er mich um fünf Uhr hier abholen. Ich solle nur das weiße Nachthemd (dessen Stoff sehr fein und dünn ist) anziehen. Mehr bräuchte ich nicht. Punkt fünf ist Peter da. Mit einer kleinen Geste bedeutet er mir, dass ich ihm zu folgen habe. Wir gehen durch das Treppenhaus, durch welches wir wohl auch gekommen sind. Im Erdgeschoss geht unsere Reise durch den großen Verkaufsraum weiter.
Wegen des weißen Nachthemds komm ich mir wie das gezähmte Hausgespenst vor, denn es brennt nur eine schummrige Nachtbeleuchtung, die jedoch ausreicht, den weißen Stoff zum Glänzen zu bringen. Jetzt ist unser Ziel erreicht. Peter öffnet eine kleine, dünne Tür, die mit dunklem Stoff überspannt ist. Er geht zuerst hinein und lässt mich einen Moment später folgen. Und wieder bin ich an einem Ort, den ich nicht erwartet hatte. Ich schaue etwas verwirrt in die noch dunkle und leere Fußgängerzone. Es ist das erste Mal, dass ich auf der anderen Seite eines Schaufensters stehe.

Der Ausblick mutet mir wohl deshalb skuril und neu an. Jetzt soll ich mich mit dem Rücken gegen die Hinterwand des Schaufensters lehnen, damit ich einen festen Halt bekomme und ruhig stehen kann. Draußen kann ich nun auch Richard erkennen, der Peter andeutet, wie ich zu stehen habe, um möglichst realistisch als Schaufensterpuppe und zugleich aufregend auszusehen. Da um diese Uhrzeit die Innenbeleuchtung ausgeschaltet ist, fällt nur das matte Licht der Straßenbeleuchtung auf meinen Körper. Bevor Peter geht, erklärt er mir noch, ich solle möglichst ruhig stehen, damit niemand Verdacht schöpft.
Wenn ich eigenmächtig aus dem Schaufenster verschwinden würde, hätten die Putzfrauen bestimmt ihren Spaß an meiner leichten Bekleidung, warnt er mich. Außerdem hätte ich ihm ja Gehorsam versprochen. Dann verschwindet er. Auch Richard ist schon gegangen, jedoch nicht ohne mir vorher mit einer Hand charmant einen Kuss zuzuwerfen.

Nun stehe ich also hier und darf mich nicht rühren. Jedermann könnte mich begaffen. Erst langsam wird mir klar, was das für mich bedeutet. Ich denke an die Abende zurück, an denen Richard mich als Sklavin, Hure oder Tier vorführte. Aber das war in kleinem Kreis, unter Gleichgesinnten. Hier weiß ich nicht, wer mich ansieht. Ich hoffe, nicht zu lange so stehen zu müssen. Und wenn sie mich doch erst heute abend hier abholen?
Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, denn so lange werde ich nicht durchhalten können. Inzwischen erkenne ich auch die ersten Passanten auf der Straße. Zum Glück schaut um diese Zeit kaum jemand in die Schaufenster, höchstens einen kurzen Blick im Vorübergehen erlaubt man sich. Die Menschen, die sich jetzt da draußen bewegen, haben keine Zeit zum Schaufensterbummel. Sie müssen zur Arbeit. Später wird sich das wohl ändern. – Jetzt schaut wirklich jemand!

Für mein Gesicht scheint er nicht so viel übrig zu haben. Er schaut auf das Nachthemd und den sich darunter abzeichnenden Körper. Was ist das für ein Mensch? Warum schaut er um diese Uhrzeit mit hochgeschlagenem Kragen in eine Schaufenster mit Damennachthemden? Viele Gedanken kommen mir dazu, obwohl er schon längst wieder gegangen ist. Diese Gedanken und das Beobachten der wenigen Menschen auf der Straße vertreiben mir die Zeit, die stehen geblieben scheint. Jedenfalls kommt mir das so vor. Eine weitere Abwechslung sind die Müllwerker, die den Dreck von den Straßen kehren und die Papierkörbe leeren. Zufällig schaut einer in mein Fenster, erblickt mich und sieht mich eine ganze Weile intensiv an.

Ich spüre den prüfenden ‚ Blick auf meinem Körper und bin wieder ganz starr. ‚Geh doch weiter‘, will ich schreien, weil mir sein Blick unangenehm wird. Eine große Anspannung entsteht zwischen uns. Sein Blick lässt nicht von mir ab, und ich wäre jetzt gerne unsichtbar. Ich denke daran, wegzulaufen, aber ich habe Peter Gehorsam versprochen. Kurz bevor ich meine immer größer werdende Anspannung nicht mehr aushalten kann, wird mein Betrachter von einem Kollegen angesprochen.
Nach einem kurzen Wortwechsel schaut auch sein Kollege mich eindringlich an. Mir wird ganz heiß. Aber dann wendet sich der Kollege wieder ab, zeigt meinem Betrachter einen Vogel und geht kopfschüttelnd wieder seiner Arbeit nach. Der wirft mir daraufhin nur noch einen letzten prüfenden Blick zu und arbeitet auch weiter. Und ich beruhige mich erst mal wieder. Es sind immer noch kaum Leute unterwegs. Die meisten haben keinen Blick für das Schaufenster übrig.

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