Im Kaufhaus

Man sieht, dass Richard das Essen geschmeckt hat. Voller Zufriedenheit zieht er an seiner Pfeife und beobachtet genau meine Bewegungen, mit denen ich den Tisch abräume. Er genießt die Ruhe, mit der ich das mache. Außerdem weiß er, wie sehr ich mir immer wieder seinen starken Blick herbeisehne, so dass ich mir die größte Mühe mit jeder meiner Bewegungen gebe. Nachlässigkeiten würde er sowieso nicht dulden.

Als ich mit allem Nötigen fertig bin, stelle ich mich in respektvollem Abstand neben seinen Platz. Ich senke den Blick, halte die Hände hinter meinen Rücken, als ob sie dort von etwas Unsichtbarem festgehalten werden, und erwarte Richards Anweisungen für den heutigen Abend. Wenn ich daran denke, wie ich noch vor einigen Jahren war, muss ich zugeben, dass Richard mich wirklich gut erzogen hat. Ich habe jetzt einen anderen Stolz als früher, eine neue Stärke. Kurz gesagt, hat mir seine einfühlsame Erziehung gut getan. Eine Weile vergeht, ehe er sich mir zuwendet:
„Der morgige Tag wird sehr anstrengend sein. Du gehst jetzt besser schlafen.“ Ohne Zögern folge ich seiner Anweisung, obwohl es noch früh am Abend ist. Gedanken schießen mir durch den Kopf, und ich überlege, was er morgen mit mir vorhaben könnte. Spannung, Angst und Faszination mischen sich in mir zu einem lustvollen Cocktail der Gefühle, so dass ich in einen schönen Schlaf gleite. Das Aufwachen wird dagegen um so abrupter.

Ich bin noch ganz benommen, als ich merke, dass es ein fremder Mann ist, der mich wachrüttelt. Weil er mich genau in der Tiefschlafphase erwischt hat, bin ich nicht in der Lage, Widerstand zu leisten, als er mir das ‚kleine Schwarze‘ über meinen nackten Körper zieht und meine Hände auf dem Rücken fesselt. Bevor ich nur einen Ton sagen kann, habe ich auch schon einen Knebel im Mund. Meine Füße verpackt er in die schwarzen Pumps, die ich gestern Abend noch trug.
Mit großen angstvollen Augen sehe ich den Mann, den ich nicht kenne, an. Er scheint diesen Blick zu genießen und, wartet einen Augenblick, ehe er mir mit einem schwarzen Tuch die Augen verbindet. Danach zieht er mich kräftig an den Haaren hoch. Ich muss gerade stehen. Unter dieser schmerzhaften Anspannung werde ich hellwach. Nur einen Moment später reißt er meine Haare auf Taillenhöhe herunter und ich muss vor ihm in der Beuge stehen. An den Haaren werde ich dann durch das Haus in die Garage gezogen. Ich merke, dass er sich im Haus genauso gut auskennt wie ich, und dass er nicht zimperlich ist bei meiner Behandlung. Angstvolle Schauer durchziehen meinen Körper, als ich im Kofferraum des Autos liege.

Erst jetzt kann ich überlegen, wer der Fremde sein könnte und warum er mich entführt. Wieso konnte er unbemerkt ins Haus? Wo war Richard? Wieso fährt er ein Auto aus unserer Garage? Mir dämmern Richards Worte von gestern Abend, und ich spüre, wie sich meine Angst zum Teil in Erregung unter dem knappen Kleid verwandelt. Vieles geht mir durch den Kopf, und ich weiß nicht, ob die Fahrt ein oder zwei Stunden dauert. Jedenfalls wird mir nach meiner Befreiung aus dem Kofferraum ein ledernes Halsband angelegt, an dem auch gleich gezogen wird. Anscheinend ist es an einer Kette befestigt, so dass ich dem Fremden folgen muss. Er führt mich sehr gut. Meine Absätze hallen mit jedem Tritt.

Das helle Echo erinnert mich an die Hinterhöfe, auf denen wir als Kinder ‚Räuber und Gendarm‘ oder ‚Indianer‘ spielten. Es folgt das Geräusch einer sich öffnenden Tür, die hinter uns zufällt. „Jetzt kommen Stufen.“ Seine ersten Worte helfen mir, trotz der verbundenen Augen nicht zu stolpern. Die Stimme ist gar nicht so tief, wie ich es vermutet habe. Irgendwie angenehm – und doch bestimmt. Als wir im dritten oder vierten Stock ankommen, klopft er dreimal gegen eine Tür. Ich höre, wie sich die schwere Eisentür öffnet und kurz darauf wieder ins Schloss fällt. Ich fühle, dass sich noch jemand im Raum befindet. Nach ein paar Sekunden werden mir die Augenbinde und der Knebel abgenommen.
Meine Augen gewöhnen sich aber nur schlecht an das grelle Licht. Deshalb erkenne ich nur langsam, dass wir uns nicht in der Art Folterkammer, die ich erwartet hatte, befinden. Wir sind in der Sportwarenabteilung eines großen Kaufhauses. Endlich kann ich auch die beiden dunklen Gestalten halbrechts von mir identifizieren. Der eine der beiden Männer ist Richard, und ich bin froh, dass er da ist. Der Andere ist der Fremde, den ich jetzt erstmals richtig betrachten kann. Er ist noch etwas größer als Richard und vielleicht zehn Jahre jünger. Sein Aussehen ist gepflegt und streng.

Das könnte dich auch interessieren...