Beim Friseur

Es war „der“ neue Friseurladen in unserer kleinen Stadt. Gleich die Eröffnung hatte bombastisch eingeschlagen. Modernes Gerät, kombiniert mit edlem Ambiente zogen an. Vor allem der Preis : günstig aber gut. Zumindest besser als die anderen beiden Friseure in der Stadt. Das sagten vor allem die Kunden, die immer mehr und mehr zum neuen „abwanderten“.
Auch ein paar meiner Geschäftskollegen, Bekannte, Freunde und was weiß ich wer noch. Nur ich nicht – ich ging weiterhin zu meinem Stammfriseur. Es war die Macht der Gewohnheit – gepaart mit purer Bequemlichkeit. Außerdem war ich mit meinem Haarschnitt zufrieden – warum sollte ich also wechseln. Hätte ich gewusst, was der neue Friseur für ,Attraktionen“ bietet, wäre ich viel früher hingegangen…

Also blieb ich beim alten Trott… …bis eben zu diesem einem Montag, an dem ich dringend ein wenig nachschneiden gebrauchen konnte. Mein Friseur hatte geschlossen, der geschäftliche und überraschende Termin am Abend wichtig. Also lenkten mich meine Schritte nun doch zu dem neuen Geschäft, nahe des Bahnhofes. In meiner Hand hielt ich die kleine Karte mit der Telefonnummer unter der ich mich angemeldet hatte.
Vor der Tür noch ein kleiner Blick auf die Uhr – ja, ich war pünktlich in der Zeit. Noch ein Blick in die reflektierende Scheibe. Undeutlich sah ich die Sessel im angenehm erleuchteten inneren und genau so undeutlich sah ich meine eigenen, blonden Haare. Sie waren erneut viel zu lang. Ich fuhr mit der Hand hindurch, streifte sie nach hinten und umfasste die Klinke des Salons. Die Tür hatte eine dieser alten, aber irgendwie angenehmen Klingeln.

Es war ein kleines Glockenspiel, nichts elektronisches. Hinter einem weißen Tresen blickte mich eine ältere Frau neugierig an. Ich trat die zwei Schritte zu ihr hin. „Martin Brauer, ich bin angemeldet…“. Ich mühte mich um mein geschäftlich, unverbindliches Lächeln und erhielt ein eben solches zurück.
„Gut Herr Brauer, sie kommen gleich an die Reihe. Wenn Sie sich nur noch einen kleinen Moment gedulden möchten…?“. Sie lud mich lächelnd rechterhand zur Herrenabteilung ein. Ich nickte, hängte den Burberry-Mantel an den hölzernen Ständer und trat in den Herrensalon. Im Prinzip war es ein Salon wie viele andere. Nur eben teurer ausgestattet, sehr geschmackvoll. Edle Stühle, teure Spiegel, Holzgetäfelte Wände und Decke, Kachelboden.

Sechs Stühle standen vor eben so vielen Waschbecken und Spiegeln. Drei von ihnen waren besetzt. Ich grüßte durch ein Nicken und setzte mich zu einem etwas älteren Herren an die Seite. Hier neben den Wartestühlen lagen die obligatorischen Illustrierten und Tageszeitungen. Ich griff nach einer solchen und schlug sie auf. Dabei schweifte mein Blick noch einmal durch den Raum. Im hinteren Teil klapperten ein paar Vorhangstränge und eine junge Frau kam ins Bild.
Aber was für eine..! Einen Moment lang vergaß ich sogar meine Zeitung. Vielleicht – nein bestimmt sogar – vergaß ich das atmen. Viele Gedanken und Beschreibungen schossen mir durch den Kopf, von denen alle stimmten, unglaublich und grazil es aber am besten trafen. Mein Blick huschte also über die Zeitung hinweg zu ihrer Gestalt. Ein kurzes Mustern des hellen Kittels und der fraulichen Gestalt, ein Blick auf ihr hübsches Gesicht und ich widmete mich wieder der Zeitung.

Zumindest versuchte ich es. Ich ertappte mich immer wieder, als meine Blicke über den Rand der Zeitung hinwegglitten und immer wieder zu einen Punkt zurückkehrten : ihre Gestalt. Vorsichtig musterte ich sie genauer und schätzte sie auf mitte zwanzig (also genau mein Alter). Die Beine unter dem weißen Kittel waren lang und unbestrumpft – auch klar bei dem heißen Wetter, das draußen herrschte. Meine Gedanken glitten kurz ab und versuchten sich auszumalen, was sie alles (oder was viel lieber nicht…) unter dem Kittel trug.

Ihre schlanken Arme waren von einer hauchdünnen Bluse bedeckt. Ihre Finger waren schlank und zierlich, ihre Nägel lang und rot. Rot wie auch ihr geschminkter, aber nicht übertrieben betonter Mund. Es war ein etwas dunkleres Rot, das zu ihren langen, schwarzen Haaren passte. Ihr Gesicht war eben, hohe Wangenknochen verliehen ihr ein exotisches und noch viel, viel mehr anziehendes Äußeres. Es war diese Art von Frauen, die Männer sofort mit Auftreten und Bewegungen in Beschlag nahm. Kurzerhand gesagt, sie hatte mich mehr als beeindruckt.

Ich knöpfte mein Hemd auf, lockerte die Krawatte und verfluchte die heißen Temperaturen. Schon seit einigen Tagen plagte die kleine Stadt in der ich wohnte und arbeitete eine gnadenlose Hitzewelle. Und sie würde sich noch ein paar Tage halten. Ich hatte nichts gegen Temperaturen, aber im Friseurladen war es trotz angekippter Fenster und zwei großen aber zu sanften Ventilatoren heiß und stickig. Also wieder ein Blick in die Zeitung oder zumindest der Versuch.

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