Die Raumpilotin, Teil 1 – fremde Wesen

„Häuptling, grausam bist du,
auch Deine Zeit wird ablaufen.
Dein Schicksal wird von anderen bestimmt.
Überschätze nie Kameradschaft und Freunde,
denn das ist wahre Stärke, mit der Du dem Schicksal trotzen kannst…!“
Der alte Mann im Dorf

Teil 1
„Ihr zwei seid ein gutes Team! Viel Glück und heiße Düsen!!“
Das waren die letzten Worte, die sie vom Kontrollraum hört, bevor die Luke der Kühlkapsel sich schließen. Jetzt wird der Computer alles übernehmen, von der Steuerung bis zur Kommunikation. Der Rechner wird sie durchs All bis zu einem Saturnmond fliegen.
Sie hasst es.
Die zwei menschlichen Piloten fliegen nur mit, damit sie im Notfall eingreifen können. Lächerlich, denn wenn etwas passieren würde, dann wäre es sowieso zu spät. Aber die Bestimmungen waren nun einmal so. Die Ausflüge ins All dienten dem Transport von geförderten Rohstoffen, die in Robotbergwerken auf anderen Planeten abgebaut wurden, um das Überleben der Menschheit zu garantieren, denn die erdeigenen Rohstoffe waren verbraucht. Darum erträgt sie diese Reisen in den Kühlkammern immer wieder. Und auch, um der Enge auf der Erde zu entkommen.

20 Milliarden Menschen lebten jetzt dort. Es gibt ein weltweites striktes System der Bevölkerungskontrolle. Die animalische Art der Fortpflanzung, die nur zu Krankheiten, Mißbildungen und hygienischen Problemen führte, gibt es nicht mehr. Die Menschheit hat keine Vorstellung, wie das gewesen sein soll. Es interessiert sie auch nicht. Der Bevölkerung wird der Zugang zu Informationen über dieses Thema verwehrt, auch wenn es hier und da eine undichte Stelle gibt.

Durch Kampagnen der Erdregierung in den letzten Jahrhunderten war freie Sexualität als menschheitsgefährdend eingestuft worden. Ein Verstoß dagegen wird mit härtesten Strafen, sogar der Todesstrafe, geahndet, aber es kam bisher nur selten zur Verhängung der Strafen, da dem Wasser und der Nahrung Substanzen beigemengt werden, die sexuelles Verlangen abblocken. Bei einigen Personen führen diese Substanzen sogar zur Unfruchtbarkeit. Aber das ist nur wenigen bekannt. Alle 10 Jahre werden von der Erdregierung Paare zusammengestellt, die in eigens abgesperrten Gebieten, sogenannten Zuchtländern, fünf Jahre lang leben müssen. Nach der Besamung der Frau, die im Institut zur Erhaltung der Menschheit stattfindet und von den dortigen Wissenschaftlern ausgeführt wird, müssen die Paare außerhalb der Gesellschaft in den Zuchtländern leben.

Zweck dieser Einrichtung ist die Aufzucht neuer Menschen.
Um nicht vielleicht auch für ein Zuchtland ausgewählt zu werden, hatte die Pilotin sich schon früh für eine Karriere im Flugdienst beworben, denn über die Zuchtländer erzählte man die schlimmsten Dinge. Diejenigen, die dort waren, durften nicht darüber sprechen und werden ständig durch eingepflanzte Monitore überwacht. Noch mehr Kontrolle könnte die Pilotin nicht ertragen. Sie ist eher der Typ, der lieber die Kontrolle hat und mit ihrem starken Willen ist es ihr gelungen, durch die schweren Auswahlverfahren zum Pilotentraining zu kommen. Jetzt ist sie erste Pilotin einer Staffel schneller Frachter, die durch das All fliegen.

Im Stillen geht sie noch einmal alles durch, was bis zu diesem Zeitpunkt in den letzten drei Tagen zu erledigen gewesen war. Sie hatte die Piloteneinteilung für die Zeit ihrer Abwesenheit vorgenommen, die Flugnavigation überprüft, die Besonderheiten des Auftrages gecheckt und sich über alles andere informiert. All den technischen Kram, den sie in und auswendig konnte. Leider war ihre Copilotin ausgefallen, weil die sich beim gestrigen Sporttraining den Arm gebrochen hatte. Zwar ist der Arm schon geheilt und schmerzfrei, aber die Knorpelsubstanz ist noch zu weich, um den Strapazen des Fluges standzuhalten. Als Reservepilot steht Mike bereit. Das ist eines der schlimmsten Dinge, die passieren können, wenn ein eingespieltes Team auseinandergerissen wird.

„Ihr zwei seid ein gutes Team!“ Lachhaft! Mike ist ein kleiner und unscheinbarer Mann. Zugegebenermaßen zäh und trainiert, aber eigentlich fast zu dumm für den Beruf als Pilot. Das ist auch der Grund, weshalb er es trotz seiner dreißig Jahre nie geschafft hat, aus dem Reservestatus zu kommen. Diesen Beruf kann er sich seiner körperlichen Belastbarkeit zugute schreiben. Egal, sie mag ihn nicht richtig, wie jeden Mann eigentlich.

Sie muss sich wieder auf ihre Gedanken konzentrieren. Nach dem technischen Checks kamen die abschließenden Gesundheitscheck und die Hygieneprozedur. Gesundheitlich war sie in Topform, wie nicht anders zu erwarten, aber sie war durch den Hygienecheck gefallen, da ihre Haare zu lang waren. Das hatte die Pilotin etwas in ihrer Konzentration auf die Abflugvorbereitungen gestört, denn eigentlich achtete sie immer darauf, daß ihr Haar nicht zu lang war. Aber es war nicht nur das Kopfhaar. Es sollte ein ganzer Hygieneprozeß ablaufen, denn sie war jetzt schon länger nicht mehr im All gewesen, weshalb sie sich den Gegebenheiten auf der Erde angepaßt hatte. Aktive Piloten erkannte man auf der Straße immer sofort an ihrer Glatze und der fehlenden Gesichtsbehaarung. Keinen Bart, keine Augenbrauen und keine Wimpern. So mußte sie gezwungenermaßen heute morgen noch zum Haare schneiden, zum „Maskenbildner“, wie das Hygiene-Team scherzhaft genannt wurde.

You may also like...