Amtshilfe

Mit Grauen reagierte ich an jenem Montagmorgen auf das Gebimmele des Weckers, der mir bedeutete, dass nun wieder fünf Tage lang Stress und Hektik auf mich niederprasseln würden; dass es frühestens nächsten Freitag dazu kommen würde, wieder in den Armen von Nadine zu liegen, deren Duft ich noch von der gestrigen Umarmung an mir spürte, als ich unter die Dusche kroch, um mich für die Torfnasen im Büro frisch zu machen.

Beamte, so sagt der Volksmund, haben den meisten Stress am Wochenende und freuen sich schon Freitags auf den erholsamen Büroschlaf, dem sie im Dienst frönen können – wenn die wüssten! Sicher, die meisten Jobs im öffentlichen Dienst überfordern einen durchschnittlich belastbaren Menschen zu normalen Zeiten nicht über Gebühr, aber auch der öffentliche Dienst wird mittlerweile von Personalkürzungen geplagt. Nach einem geruhsamen Frühstück mit meiner geliebten Nadine machte ich mich auf den Weg – ich musste ja, ob ich wollte oder nicht.

Kaum im Büro angekommen angekommen – Zeit für einen geruhsamen Kaffeplausch hatten wir schon lange nicht mehr – wurde ich zu einer dieser Sitzungen gerufen, die nichts als Mehrarbeit ankündigten. Und da die Herren Chefs schon warteten, eilte ich mit Grimm im Bauch ins Sitzungszimmer, wo ich vom höchsten Boss hämisch grinsend begrüßt wurde. –
Nein, ich sollte überraschenderweise nicht schon wieder irgendwelche Aufgaben dazubekommen, sondern ich sollte freigestellt werden für eine Woche, um zwei Damen, die neu in der Verwaltung waren, in die Geheimnisse der elektronischen Datenverarbeitung einzuführen. Na, ja, aber mir schwante trotzdem Übles – Frauen und Technik halt….

Da aber Widerspruch sinnlos war, fügte ich mich in mein Schicksal, verabschiedete mich aus der Runde und machte mich auf den Weg in die sterilen Computerräume. Ich war früher oft dort, denn diese Räume hatten zwei Vorteile: Zum einen durften wegen des Datenschutzes nur wenige Kollegen dort verkehren, zum anderen waren die Räume mit den PC’s ebenso klein wie intim, also vorzüglich dazu geeignet, sich einmal diskret zurückziehen zu können.

Zuerst sah ich nur das, was ich befürchtet hatte: Eine dem Alter nach nicht zu identifizierende Matrone, von der lediglich sicher war, dass sie die fünfzig schon vor Jahren erreicht hatte und dass jede Waage arge Schwierigkeiten mit ihr haben würde, thronte, alles andere überragend, auf der hölzernen Bank vor dem Computerraum. Gekleidet war sie wie ein Mütterchen vom Land. Na, Super! „Frau Hanken!“, schrie Sie mich grell an, als ich mich als ihr Lehrer für die nächsten Tage zu erkennen gab. „Boh, jetzt brauche ich aber erst mal ’nen Kaffe, haben Sie sowatt hier? Sonst ist nix mit Konzentration!“ Ich liebe ABM-Maßnahmen…

„Ach so, und das ist Frau Gerike!! Erst jetzt bemerkte ich, dass neben ihr noch jemand sass. Ihr Erscheinen ließ mich die Furcht vor dieser Matrone und die sofortige Order des Koffeins vergessen: Kaum zwanzig, brünett mit entzückenden, in die Stirn fallenden Löckchen, schlank und absolut chic gekleidet trat sie zu mir, um mir etwas schüchtern die Hand zu reichen.

Adrenalin schoss mir wohl nicht nur in den Kopf, denn ihre Erscheinung war ebenso überraschend wie schön, und ich begann stotternd, sie willkommen zu heißen, schloss etwas verwirrt anstatt den EDV-Raum die nebenliegende Besenkammer auf – ließ den Damen höflich den Vortritt mit dem Ergebnis, dass die Matrone voll gegen eine Bohnermaschine rannte und sich das Schienbein anschlug. Die nächsten fünf Minuten hatte ich Gelegenheit, mein Schimpfwort-Repertoire zu erweitern.

Nun, Kaffee war schliesslich aufgetrieben, der Computer angeworfen und die Sessel vor dem Bildschirm so placiert, dass die Dicke sich etwas abseits von mir breitmachte. Und während Doris, Freaks kommen sich am Monitor eines Computers schnell näher, sich unter meiner Leitung überraschend schnell in die Geheimnisse des Textverarbeitungssystems einarbeitete, fragte Frau Hanken lediglich nach der nächstgelegenen Bäckerei, dem Angebot in der Kantine und wie es mit früher Feierabend machen aussehen würde. –

Kurz, sie nervte nicht nur mich, wie ich an manchen Reaktionen von Doris feststellen konnte. Während sie ohne große Unterbrechungen redete und dabei verständnislos auf den Monitor starrte, schafften Doris und ich es trotzdem, in relativ kurzer Zeit erhebliche Fortschritte zu machen und so waren wir, in die Arbeit vertieft, überrascht, als Frau Hanken verkündete, dass sie nun ihre Mittagspause nehmen würde und danach, sie sei schliesslich Hausfrau und habe einen Mann zu versorgen, nach Hause fahren würde – schließlich wäre sie als Halbtagskraft eingestellt und sie würde es nun wirklich nicht einsehen, länger zu bleiben.

Doris grinste in sich hinein, doch ich zeigte sofort vollstes Verständnis, empfahl ihr noch ein Gericht in der Kantine und entließ sie erleichtert.
Auf die Uhr schauend, die überraschenderweise schon 12.30 Uhr anzeigte, wartete ich fünf Minuten ab, um sicher zu gehen, dass die Hanke weg war, und fragte Doris dann mit klopfendem Herzen, ob sie Lust hätte, mir in der Pause beim Griechen Gesellschaft zu leisten; sie sei eingeladen.

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