Der unbekannte Lover

Ich bin etwas enttäuscht. Mit einer gewissen Vorfreude hatte ich mich am Vormittag auf den Weg gemacht, um meinem Unbekannten möglichst bald wieder zu begegnen. Ich hatte meinem Kätzchen fast eine ganze Woche lang Schonfrist gegönnt, ehe es mich wieder dazu getrieben hat, für Nachschub zu sorgen. Auffallend langsam schlenderte ich zur Kasse, ewig kramte ich in meiner Badetasche nach dem Geldbeutel, um die Eintrittskarte zu bezahlen, doch so sehr ich mir auch Zeit ließ, spürte ich weder seine stechenden Blicke, noch auf eine andere Weise seine Anwesenheit.

Es waren einige lange Minuten vergangen, bis ich den Eingangsbereich verlassen hatte, noch immer schien er meine Fährte nicht aufgenommen zu haben. Etwas geknickt ziehe ich von dannen, schlendere zaghaft am Ufer entlang, versuche, wie immer, unauffällig vom Weg abzubiegen, um mich durch den Wald zu meinem Platz an der Sonne vorzukämpfen.

Da liege ich nun wieder, unbekleidet, am Ufer des Sees, in jener Waldlichtung, die ich seit meiner Entdeckung als mein Eigen betrachte. Hinter mir erstreckt sich der Wald, der mich vor fremden Blicken einigermaßen schützt, gleich vor dem Wald befindet sich der Wanderweg, der Leute bei ihrem romantischen Spaziergang um den See führt. Hin und wieder ist ein Knicken von Geäst zu vernehmen, das mich je nach Lautstärke mal mehr, mal weniger hochschrecken lässt.

‚Schade, dass ich heute alleine in der Sonne schmoren soll‘, geht es mir durch den Kopf. Früher hatte ich mir dabei nichts gedacht, doch seit meinem letzten Erlebnis, das mir beinah einen Muskelkater zwischen den Beinen beschert hätte, sehnte ich mich nach der Anwesenheit dieses Prachtmannes. ‚Wenn denn wenigstens das junge Pärchen hier wäre …‘

Seit Stunden bin ich nun der erbarmungslos Lichtblitze auf mich herabfeuernden Sonne ausgeliefert, noch immer spüre ich nichts Anderes auf meiner Haut als Schweißperlen, die sich nach und nach verbünden und in kleinen Rinnsalen von meinem Rücken zu Boden fließen, wo sie vom leicht durchnässten Handtuch gierig aufgesaugt werden.

Skeptisch drehe ich mich immer wieder zur Seite, um mich mit einem Rundblick zu vergewissern, ob mein Spielgefährte von letzter Woche vielleicht nicht doch inzwischen Stellung bezogen hatte. Fehlanzeige. Nichts war von ihm zu sehen, weder das freundliche, vertraut wirkende Lächeln, noch sein muskulöser Körper. Ich gebe auf. Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ich heute allein bleiben werde.

Frustriert mache mich auf den Weg zum Wasser, um mich abzukühlen. Ich stehe bis zu den Knöcheln im kühlen Nass, blicke mich ein letztes Mal um. Niemand ist hinter mir, keiner beobachtet mich. Schade. Ich will mich gerade wieder umdrehen und in tiefere Regionen vordringen, als ich etwas erspähe. Es ist bunt, sieht von der Ferne aus wie ein kleines Fähnlein, das am Baum, an dem ich vor einer Woche noch „gefesselt und gepeinigt“ wurde, hängt.
Ich gebe meiner Neugierde nach, steige aus dem Wasser, will wissen, was dort im Wind weht. Sehr vertraut kommt mir dies Fähnchen vor. Mehr als nur bekannt. Es gehört mir. Ich bin keine zehn Meter mehr entfernt. Tatsächlich, mein Bikinioberteil. Jenes Stück Stoff, das von dem süßen jungen Ding letztens entwendet wurde. Formlos und schlaff – ‚wie unüblich für meinen Bikini, der sonst recht stramm sitzt‘, denke ich mir – hängt es an der Stecknadel, mit der es am Stamm befestigt wurde. Doch da ist noch etwas. Ich muss mich strecken, auf Zehenspitzen stehen, um die Nadel ergreifen zu können.
Ein Zettelchen kommt zum Vorschein.

„Hallo unbekannte Schönheit. Während du diese Zeilen liest, vergnügen wir uns vielleicht schon mit deinem Hengst. Drüben auf der anderen Seite des Sees. Komm zu uns, und wir zeigen dir UNSER verstecktes Paradies.
Komm nackt, wir haben noch ein Höschen für dich.
Zwinkernd,
Die jungen Wilden.“

So ist das also. Zuerst meine Badeklamotten und jetzt auch noch meinen Traumprinzen stehlen. Ich laufe nervös einige Runden im Kreis, meine Gedanken drehen sich um das Angebot des jungen Pärchens, denn wer sollte es anderes sein? Mit dem Gedanken, mich nackt auf Wanderschaft um den See zu begeben, kann ich mich nur schwer anfreunden. Aber darf man sich diese Chance entgehen lassen?
Nein, darf man nicht. Meine Muschi drängt darauf, diesen Marsch in Angriff zu nehmen. Wie weit ist es zur anderen Seite? Der See ist zwar nicht groß, aber ziemlich (weit) in die Länge gestreckt, gewiss zwei Kilometer, vielleicht sogar drei. Seine Form erinnert ein wenig an einen überdimensionalen erregten Penis. Mhmmm, schon wieder setzt dieses angenehme Kribbeln zwischen meinen Beinen ein, wie jedes Mal, wenn ich an meinen vermeintlichen Peiniger denke. Ich beschließe, einfach dem Ufer zu folgen, immer im Schutz des Waldes, niemand wird mich sehen oder mir folgen können.

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