Rosen in der Haut

Sie stand an der Theke einer Kaffee-Bar und trank bereits ihre vierte Tasse. Ein Zeichen, dass sie sich entweder langweilte oder Sorgen hatte. Dabei war sie ziemlich hübsch, hate ebenmäßige haut, trug ihre braunen Haare bis auf die Schultern und besaß strahlend grüne Augen.
Eberhard rückte samt Tasse neben sie, bestellte sich eine dritte Portion, während sie zur fünften griff, und sprach die flotte Mittzwanzigerin einfach mal an: „Sie fünf Tassen, ich drei. Irgend etwas kann mit uns beiden nicht stimmen!“

Ganz langsam, wie in Zeitlupe, wandte sie ihm ihren Kopf zu und blickte Eberhard an, ohne sich wirklich auf ihn zu konzentrieren. Erst allmählich kam Schärfe in ihre Pupillen und sie sagte:
„Haben Sie mit mir gesprochen?“ „Ja, dass nämlich mit uns beiden irgend etwas nicht stimmen kann – zwei relativ junge Leute und acht Tassen Kaffee!“ Da schien sich die unbekannte Schöne zum ersten Mal bewusst zu werden, wo sie sich eigentlich befand. Sie blickte auf ihre halbleer getrunkene Tasse runter, dann hinüber zu Eberhard und sagte schließlich: „Da mögen Sie wohl recht haben.“

Nach diesem verheißungsvollen Auftakt vertiefte Eberhard das Gespräch sofort, und beide bedauerten es, als ihre Frühstückspause zu Ende war und sie in die Firma zurück mussten. Sie verabredeten sich jedoch auf einen Mittagshappen. Und als sie kam, blickte sie schon viel fröhlicher drein, lächelte sogar ein bisschen, und am Abend darauf hatte er sie soweit. Und sie ihn.
Denn es sind nicht immer nur die Männer, die das eine wollen. Die Frauen mögen’s auch, verstellen sich aber öfter. Sie wusste, was sie wollte, und er, wo’s war. Sie ging zuerst ins Bad und er folgte, nachdem sie sich im Bett versteckt hatte. Ein Mann, eine Frau, nackte Haut, ein Bett – die natürlichste Sache der Welt.

Aber als Eberhard nach einiger Zeit von ihr in jene Position geschoben wurde, die man auch ‚a tergo‘ nennt, gingen ihm die Augen über. Denn auf dem unteren Rücken, zwischen Taille und dem Allerwertesten prangte auf ihrer zarten Haut ein blühender Rosenstrauß, von einem blauen Band umschlungen. Eberhard rief:
„Nanu!“ Und Antje, die nun nicht mehr Unbekannte aus der Kaffee-Bar, druckste ein bisschen herum. Bis sie ihm gestand, dass dies „ein Hobby“ von ihr sei.
„Rote Rosen?“ fragte Eberhard scheinheilig. „An dieser Stelle“, antwortete Antje. Aber es sollte noch viel merkwürdiger kommen. Denn als den Anblick verdaut und Antje das Geständnis hinter sich hatte, reichte sie ihm einen roten und einen grünen Filzstift und bat ihn, den Strauss auf ihrer Haut um eine weitere Blüte zu vergrößern.

„Irgendwo, wo noch eine Lücke ist und sie gut hinpasst“, sagte sie. „Wie ein Autogramm von Dir, weißt Du? Wenn ich den Strauss nun schon mal habe….“
Worauf Antje sich auf das Fußende des Bettes setzte und ihren Rücken gerade machte. Eberhard nahm auf dem Fußboden Platz und malte. Eine Rosenknospe mit ein paar winzigen Dornen. Weil er die ganze Angelegenheit so merkwürdig fand. Er wollte sie schon fragen:

„Meine Rose verschwindet doch bei der nächsten Dusche, aber die anderen bleiben. Was soll das Ganze?“ Aber dann ließ er es bleiben, weil ein Gentleman eine gute Nummer nicht durch Nebensächlichkeiten kaputtmacht. Tja, und dann ging diese Geschichte ganz anders aus. Denn als Eberhard die geheimnisvolle Antje nach ein paar Wochen zufällig wieder in der Kaffee-Bar traf und die alte Liebe aufwärmen wollte, druckste sie ein bisschen herum.

„Es hat sich was verändert“, sagte sie. „Ich weiß nicht recht…“ „Das versteh ich doch“, antwortete er großzügig. „Du hast Dich verliebt, es gibt einen anderen Mann. Kein Problem. Trinken wir noch ein Tässchen gemeinsam, und dann verschwinde ich.“
„Nein, das ist es nicht“, gestand sie. „Es ist nur, dass ich….wegen dem….erinnerst Du Dich noch an meinen….meinen Rosenstrauß….da hinten?“
„Natürlich“, erwiderte Eberhard, und ihm fiel die Blüte mit den Dornen ein, die er dazugemalt hatte. „Was ist damit, ist er weg?“ Ein paar Stunden später wusste er es. Dass er nämlich keineswegs weg war, sondern größer.

Weil sie sich seine Filzschreiber-Rose hatte tätowieren lassen – zu all den anderen dazu. Sie sammelte Rosen. wie andere Leute Autogramme. Jede Rose bedeutete ein Liebesabenteuer, und jede Blüte einen anderen Mann.
Und jetzt gab es ihn – rechts oben im Strauss. Er überlegte, ob er empört oder amüsiert sein sollte, und entschied sich dann zu genießen und zu schweigen.
Er hat – auch später – nicht nachgezählt, der wievielte „Rosenkavalier“ er war. Er stellte lediglich fest, dass seine Knospe die letzte war. Das beruhigte ihn in dieser Nacht so sehr, dass er die merkwürdige Antje auf den Rosenstrauß legte und vordergründig zur Sache ging. Was ihr sehr recht zu sein schien……..

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