Hectors Sklavin

Diese Geschichte mag erstaunen, vielleicht sogar entfremden. Sie erzählt, was mir neulich in einer Bäckerei passierte. Aber darf ich mich erst einmal vorstellen: Ich heiße Barbara, werde in Bälde 24 Jahre alt, studiere Germanistik, komme aus einer stockkonservativen Familie, und ich bin deprimiert. Diese Informationen sind aber eher Nebensächlichkeiten, zumal mein Aussehen vermutlich mehr interessiert.
Nun, im Allgemeinen werde ich als attraktiv bezeichnet. Ich habe hellbraune schulterlange Haare, in die ich mir einige blonde Strähnen machen lies, da ich diesen Effekt sehr liebe. Sie sind gewellt, was aber schon immer so war, Dauerwellen hätte ich mir nie machen lassen, da ich dieses Barbie-Puppen- Gehabe hasse. Gut, einige mögen nun sagen, ich hätte halt Glück mit meinen gewellten Haaren gehabt, und ich solle die Barbie Puppen nicht anklagen, aber ich sagte ja schon, ich studiere Germanistik, und nicht etwa Soziologie. Wie mein Gesicht aussieht?

Hm, das ist knifflig zu beschreiben. Am besten, man nehme ein Claudia Schiffer Bild zu Hand, radiere den Mund weg und setzte einen nicht so arg übertriebenen Schmollmund drauf, und dann kommt die Sache schon ganz gut in meine Nähe. Hatte ich gesagt, dass ich auch als sehr selbstsicher gelte? Haha, wartet nur mal ab, bis ich meinen Körper beschreibe. Ich bin vielleicht etwas klein geraten, was ich ohne zu zögern gerne zugebe. Aber ich bin mit meinen 165cm zufrieden. Meine Brüste sind wohlgeformt, und ich mag sie. Mein früherer Freund sagte mir, sie wären etwas zu klein, aber der Kerl soll bloß den Mund halten, jedenfalls hatten sie ihre Wirkung auf ihn nie verfehlt. Auch mit meinen Beinen bin ich zufrieden. Sie sind stark, da ich gerne wandere, aber die Muskeln stören sie in ihren anmutigen Rundungen nicht.

Meine Haut ist recht makellos, und ich pflege sie wie meinen teuersten Schatz. Die Haare unter meinen Achseln habe ich wegrasiert, da ich sie nicht sehr ästhetisch finde. Alles in allem bin ich nicht etwa mager, ich mag gutes Essen, doch dick bin ich auf keinen Fall. Sicher, ich mag neben Skelettgestellen sogar recht üppig gebaut aussehen, aber es ist mein Körper, und ich liebe ihn. Der feinfühlige Leser mag nun mit wachsender Ungeduld fragen, weshalb ich bloß deprimiert bin. Der weniger feinfühlige Leser wird sich nun eher für die Vorgänge in der Bäckerei interessieren.

Die letzteren mögen sich entfernen, ich mag sie nämlich nicht. So! Ist noch jemand da? Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, genau, ich bin deprimiert. Ich weiß nicht, ob ich glücklich sein soll oder nicht. Ich wurde mit einer Situation konfrontiert, die mich total verwirrte. Aber lasst mich die Sache einmal besser ausführen… Die Geschichte beginnt in einem klitzekleinen Zimmer, das ich mein Heim nenne. Ich hatte gerade bemerkt, dass das Brot wieder alle ist, und beschloss, schnell mal welches zu holen. Nun war es aber schon ziemlich spät, und ich musste mich beeilen, um noch rechtzeitig bei meiner Stammbäckerei anzukommen.
Vermutlich würden mich die Angestellten dort noch nach Ladenschluss hineinlassen, denn ich kenne die Leute dort sehr gut und hatte schon manchen Spaß mit ihnen. Ich kam etwa drei Minuten zu spät an, und was die Schlusszeiten anbelangt, so ist man Hierzulande genauer als so manche Atomuhr.

Es war noch Licht im Laden, aber keiner war zu sehen, und so klopfte ich an die Türe. Leise hörte ich eine Stimme schreien, die mich ziemlich roh über die hiesigen Geschäftszeiten aufklärte, aber ich ließ mich nicht beirren. Ich klopfte weiter, bis ein Angestellter erschien, den ich gut kannte. Er hieß Rolf, und lächelte gleich, als er mich sah. Er schloss die Türe auf.
„Ah! Du bist es. Tschuldigung, ich hab’s nicht gewusst. Ich hätte dich natürlich sofort hereingelassen. Was darf’s denn sein?“ „Hallo Rolf! Es tut mir leid, dass ich zu spät komme, aber ich hatte gehofft, es war noch einer da, der einer armen hungrigen Frau etwas Brot verkaufen könnte.“ sagte ich ihm freundlich zurücklächelnd. Dieses Geschäft war so etwas wie ein Familienbetrieb. Man merkt als Kunde so etwas, denn die Bedienung ist viel wärmer, und man fühlt sich sofort unter Freunden. Schon beim ersten Mal, als ich diesen Laden betrat, erkor ich ihn als ‚Meine Bäckerei‘.

Rolf ließ mich rein, schloss hinter sich merkwürdigerweise wieder die Türe, und ging hinter den Ladentisch. Mein Blick streifte über gähnend leere Brotregale. „Ohje!“ sagte ich „Da hab‘ ich wohl Pech gehabt.“ „Warte einen Moment, ich geh mal in die Backstube nachfragen, vielleicht hat’s ja da noch was.“ sagte er, und verschwand durch eine Türe. Es dauerte eine ziemliche Weile, und gerade, als ich dachte, sie hätten mich vergessen, kam der Herr des Betriebes zum Vorschein. Sein Name war Hector, und ihn kannte ich nicht allzu gut, da er selten Brot verkaufte.

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