Die Baronin

Frank Gilmore nutzte den lauen Abend zu einem Bummel durch die belebten Geschäftsstraßen der City. Die braunen Augen des jungen Mannes huschten eher gelangweilt über die ausgestellten Waren in den geschmackvoll arrangierten Schaufenstern.
Ab und zu begegnete ihm ein hübsches Mädchen, aber Frank war heute nicht in der Stimmung, eine der unbekannten Schönen anzusprechen. Erstens hatte er schon bei verschiedenen Gelegenheiten feststellen müssen, dass die Mädchen, die er bisher kennen gelernt hatte, sich meistens als langweilig und spießig entpuppten und zum Zweiten weilten seine Gedanken bei seiner neuen Chefin, Helene von Falkenstein, die sich heute Vormittag den Büroangestellten vorgestellt hatte. Frank erinnerte sich noch an jede Kleinigkeit, an jede noch so winzige Bewegung mit der sich die etwa dreißigjährige Deutsche präsentiert hatte.

Punkt Neun Uhr war die großgewachsene Blondine ins Büro gekommen und hatte ruhig und kühl gesprochen, Frank glaubte noch immer den rauchigen Klang ihrer Stimme zu hören. Er persönlich hatte seine Entscheidung längst getroffen, zumal er keinen wirklichen Grund sah, seinen Dienst zu quittieren. Ihm konnte es egal sein ob nun statt dem alten Mister Osborn eine attraktive Ausländerin das Zepter schwang, das Gehalt war nicht übel und Frau von Falkenstein wirkte zwar unnahbar kühl aber sie erweckte nicht den Eindruck einer nörgelnden Vorgesetzten.
Frank versuchte sich die Szene nochmals ins Gedächtnis zu rufen und fast automatisch erschien das Bild der blonden Frau vor seinem geistigen Auge. Eine herbe, vitale Schönheit, mit blitzenden grauen Augen und vollen, sinnlichen Lippen. Der breitkrempige Damenhut und das schicke dunkelblaue Seidenkostüm unterstrichen die elegant-majestätische Erscheinung Helenes. Spätestens als Frank einen verstohlenen Blick auf ihre hinreißend modellierten Beine geworfen hatte, war sein Herz in Flammen gestanden.

Am Liebsten hätten seine Fingerspitzen über den bronzefarbenen Ton der Strümpfe gestrichen und die Form der spiegelnden, hochhackigen Lackpumps nachgezogen. Frank empfand in diesen Augenblicken ein heftiges Verlangen nach dieser Deutschen Baronin, die ihn immer mehr wie eine unerreichbare, schöne Göttin erschien.
Über eine Stunde schlenderte der junge Mann nun schon durch die Straßen und Gassen der City und nach wie vor spukte das betörende Bild Helenes in seinem Kopf herum. So sicher wie er wusste, dass er sich in diese Frau unsterblich verliebt hatte, so sicher wusste er auch, dass sie für ihn wohl unerreichbar blieb. Trotzdem empfand er es erregend an sie zu denken, sich wenigstens vorzustellen. wie es wäre, ihren Körper mit heißen Küssen zu bedecken . . .

Vor einem mondänen Schuhsalon blieb er stehen um sich eine Zigarette anzuzünden, dabei schaute er rein zufällig durch die Auslage in das Innere des Geschäftes. Erst als die Flamme des Streichholzes schmerzhaft auf seinen Fingerkuppen brannte, fand Frank seine Fassung wieder. Tatsächlich, sie saß da drinnen und ließ sich verschiedene Paare Stiefel anprobieren. Frank war ganz selig, dass sich der Mittelpunkt seiner Phantasien so schnell materialisiert hatte.

Er spürte den eigenen Herzschlag in den Schläfen und konnte seine Augen nicht von der blonden Frau lösen. Mit der selbstverständlichen Arroganz einer Adeligen saß sie in dem Sessel und beachtete kaum den Verkäufer, der behutsam einen bordeauxroten Lederstiefel über ihr vorgestrecktes Bein schob. ,,Wenn Madame vielleicht einige Schritte gehen wollen!“ Helene von Falkenstein stand auf, sie wusste, dass der Saum ihres Kleides mit einem elektrisierenden Rascheln über die Wange des vor ihr knienden Verkäufers geraschelt war und es amüsierte sie, das Verlangen in den Augen des jungen Mannes zu sehen.

Sie tat einige Schritte vor dem großen Spiegel und sah versonnen auf die Lichtreflexe, die sich auf dem glatten Leder der Stiefel spiegelten. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte dabei über die Lippen der Baronin, sie fragte sich, wie lange es diesmal dauern mochte, bis servile Lippen und Zungen über die neuen Stiefeln leckten, an den Schäften hinauf bis zur heißen Mitte ihres geilen Körpers. Bruchstückhafte Erinnerungen tauchten auf, Bilder hemmungsloser Orgien, in deren Verlauf sie Menschen beiderlei Geschlechts zu ihren bedingungslos ergebenen Liebessklaven geformt hatte.
Helene beschloss, die neugekauften Stiefel gleich anzubehalten und wies den Verkäufer an, ihre Pumps einzupacken. Wenig später verließ sie den Schuhsalon und stieß auf den immer noch am selben Fleck stehenden Frank. Die ausdrucksvollen Augen der Frau zogen sich für einige Augenblicke zu schmalen Schlitzen zusammen und ihre Zungenspitze fuhr über die vollen Lippen. Mit dem angeborenen Instinkt einer Domina witterte sie ihr Opfer.

„Guten Abend“, stammelte Frank und fühlte sich schrecklich nervös und unsicher. Er deutete dabei eine höfliche Verbeugung an und als ihm die Baronin ihre behandschuhte Rechte entgegenhielt, berührte er in altmodischer Weise ihre Finger mit den Lippen. Merkwürdig, dachte er bei sich, bei einer Frau wie ihr war es irgendwie normal, sie auf diese Weise zu begrüßen. Helene quittierte seine Geste mit offensichtlicher Zufriedenheit, ja, das war die Art, wie sie von einem Untergebenen begrüßt werden wollte!
„Was machen sie denn hier, Frank?“ erkundigte sie sich ohne besonderes Interesse, er sollte ruhig das Gefühl haben, ein unwichtiges Subjekt zu sein, dem sie nur eine minimale Zeitspanne widmen wollte. „Oh, nichts besonderes, ich bin nur so spazieren gegangen.“ „So, so“, lächelte Helene und musterte die Gestalt Franks unverhohlen. „Nun, ich habe Lust, mich ein wenig zu unterhalten, Frank. Sie dürfen mich in ein Cafehaus begleiten und mir Gesellschaft leisten.“

Das könnte dich auch interessieren...