Bezahlter Exhibitionismus

lch werde manchmal schrecklich nervös, nachdem das Startzeichen gegeben wurde. Wenn ich mir Geoff so anschaue, sein furchtbar gespanntes, blasses Gesicht, naja, er ist auch ziemlich nervös und angespannt. Auf der Eisenbahnfahrt aus der Stadt heraus hatten wir es immer und immer wieder beredet, aber Geoff kam stets auf das eine Argument zurück, das uns überhaupt erst veranlaßt hatte, uns auf diese Abmachung einzulassen: »Zu Hause treiben wir es ja auch andauernd, warum sollen wir uns dafür nicht mal bezahlen lassen.« J

a, warum nicht? Aber würde sich dadurch nicht alles ändern? Würde es nicht merkwürdig sein, wenn jemand uns zuschaute, uns filmte, uns anfeuerte? Wäre das nicht Exhibitionismus? Nun ja, vielleicht…

Aber da ist noch die quälende Tatsache, dasswir in Asien sind und pleite und wir genügend Kohle für unsere Weltreise zusammenkratzen müssen… Wir brauchten das Geld, und Kikushi wird uns gut bezahlen. Ich hatte ihn bereits einmal allein getroffen. Kimusha, der schwarze ugandische Geschäftsleiter der Bar, in der ich arbeite, hatte mich an ihn vermittelt: „Berühmter japanischer Künstler“, hatte er gesagt. »Sehr angesehen, Vicky. Er braucht auslandische Frauen als Aktmodelle, du bist da vielleicht ganz gut…“

„Okay, für hundert Dollar pro Bild wurde ich schon meine Titten zeigen und stillsitzen.“ Doch Kikushi verlangte einige ziemlich pornographische Einstellungen, also schaltete ich schnell – ich trieb meinen Preis hoch. Ich mußte auch sichergehen, dasser mich nicht anfasste. lch könnte dabei nicht einmal sagen, ob er es überhaupt gewollt hätte; er war nicht sehr direkt, aber ich wollte eben sichergehen.

Kikushi sieht eigentlich nicht schlecht aus. Er ist sogar ein hübscher Japaner, ein bißchen kurz geraten – aber das bin ich ja auch. Sein Gesicht ist breit und offen wie ein auf der Spitze stehendes Dreieck, mit hohen Wangenknochen und einer blassen, reinen, glatten Haut, schwarzen Augen, die einen aus ovalen Schlitzen anhlitzen – sie erinnern mich an Katzenaugen, und ich mag Katzen. Er bewegt sich sogar wie eine, schleichend und dann mit diesem belustigten, gerissenen Blick, als wäre er hinter etwas her, hätte aber alle Zeit der Welt, es einzufangen. Und sein blauschwarzes, stacheliges Haar steht hoch, als hatte ihn jemand hinter den Ohren gekrault. Er ist schon recht bemerkenswert, aber seit einiger Zeit langweilen mich japanische Gesichter.

Ein weiterer guter Grund, zu Kikushi zu gehen: er lebt außerhalb dieses metrapokalytischen Tokios in einem wunderschönen alten Haus im traditionellen Stil, das von einem üppigen Garten voller Farne umgeben ist. Und er besteht darauf, daß jede Sitzung mit einem Bad beginnt, und zwar in einem rundum verglasten Raum, von dem man Ausblick hat auf hohes, weiches Gras und blühende, tiefrosa Fuchsien. Ich weiß nicht genau, warum er mich andauernd wieder zu sich bestellt. Irgendeine köperliche Befriedigung kann er von unseren Sitzungen nicht gehabt haben, und die Zeichnungen, die er gemacht hat, waren ziemlich skizzenhaft und, um ganz offen zu sein, ziemlich erbärmlich. Aber diesmal soll es ja um etwas ganz anderes gehen: er möchte uns filmen und zuschauen. Geoff meint, dass er die Nacht damit rumbringt, sich pausenlos einen abzureißen, nachdem ich ihm Modell gestanden habe.

Vielleicht hat Geoff ja recht. Als geborene Kalifornierin hab ich genau das Aussehen, auf das die Japaner so scharf sind: von Wind, Sonne und vom Surfen weißgelbliches Haar, lang und kräftig, mit dunkleren Strähnen darunter, Augen grün wie der Pazifik, eine Farbe, die sich je nach den Lichtverhältnissen verändert und vom Wellenreiten und viel sportlicher Action bin ich schlank und geschmeidig. In Kalifornien sehen anscheinend alle Mädchen genauso aus wie ich. Doch hier in Tokio bin ich ein exotischer Star – Schritte; gleich wird er die Tür aufmachen, und ich werfe Geoff einen letzten Blick zu, solange wir noch allein sind. Er sieht irgendwie furchtsam aus, mit zusammengepreßten Lippen. Er ist ein schöner Mann, hochgewachsen und eckig, sehr englisch, mit weiten, grauen, atlantischen Augen, tintenschwarzen Wimpern und feinem glänzendem Haar, das wie Herbstlaub aussieht. Er könnte eine umwerfende Frau abgeben, doch es wäre schon eine Schande, die phantastische Welt seines Schwanzes außen vor zu lassen das ist das einzig runde an ihm, sein Schwanz. Oh ja, das hatte ich fast vergessen, auch sein Arsch allein schon der Gedanke daran turnt mich an, und ich lasse ihn darüber auch nicht im Zweifel, so wie ich meine Zunge rausstrecke, sie aufrolle und mir über die Lippen lecke.

Ihm fällt der Unterkiefer runter, er lässt seine verkrampften Hände sinken, dann greift er nach mir, aber gerade in dem Augenblick, in dem die Tür aufgeht. „Vicky komm herein komm herein. Ah, Geoff, nett, Sie auch mal zu sehen. Ich hab schon so viel von ihnen gehört.“ „Tatsächlich?“, sagte Geoff verbissen und nicht eben freundlich, während ich auflache. Und es ist ein Lachen, in dem sich Aufgeregtheit und Nervosität mischen. Geoff weiß überhaupt nicht, was da abläuft aber jetzt, wo wir schon mal hier sind und die Sache so weit gediehen ist, bin ich fest entschlossen, meinen Spaß daran zu haben. „Er hat nur die besten Sachen über dich gehort, mein Herzchen, nur die allergeheimsten Sachen, die so furchtbar sexy sind.“ Ich muß kichern und mach mich über die beiden lustig, und Kikushi wendet seine flinken Katzenaugen von Geoff ab und wendet sie lächelnd mir zu, ganz beglückt von meiner Bemerkung. Mir geht auf, daß er zwischen uns ein ganz inniges Einverständnis voraussetzt. Auch Geoff lächelt dazu, weil er sicher sein kann, daß ich Kikushi nichts erzählt habe, was auch wirklich stimmt.

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